Geheime Leben

Robbe: Emad Hashem (Syrien)
  • Wir ziehen uns eine Krafttierkarte, unsere Impulskarte,
  • reißen dann Worte aus Zeitschriften aus, die uns ansprechen, magsich anziehen,
  • gestalten diese zu einer Wort-Collage (die im Text fette gedruckten Worte entsprechen den Collage-Worten) und
  • erschaffen daraus einen Text.

 

Geheime Leben

Sie verlässt das Haus, verschwindet, ohne Bescheid zu geben, spurlos, um Licht ins Dunkel zu bringen, um ihre Sehnsucht zu stillen, den Abgrund zu betreten. Es ist soweit.

Sie überquert den Pfad, der zum Strand führt, sie läuft barfuß, denn Schuhe braucht sie nicht mehr. Das Floß im Schilf liegt lose mit einem Strick vertäut, schnell hat sie den Knoten gelöst, beginnt ihre Überfahrt, ihren Grenzgang zum anderen Ufer, zum Urgrund. Dort draußen, hofft sie, findet sie Schätze unter dem Eis.

Auf Entdeckungsreise, kilometerweise Strecke zurücklegen, dabei erwachen. Wissen, dass die Wellen sie tragen und selbst wenn sie sie verschlingen, wird sie tauchen, sie wird schwimmen und dort unten, auf dem Urgrund, dem Seenflimmern begegnen.

Ihre Kleidung hat sie abgestreift, die Robbenhaut trägt sie um den Körper geschlungen, ihre Haare flattern im Wind.

Die Kräfte der Natur (ihre Form, Bewegung) haben auf sie eine magische Wirkung, der Wind und die Wellen peitschen sie voran, sie und ihr Floß, ins Ungewisse, in den Nebel und die silbrige Weite, es ist, das weiß sie, ein Spiel mit dem Tod. Ein Abschied von allem, das sie zurücklässt, denn wer, wenn nicht sie, ist besonders gefährdet?

Noch tragen sie die Wellen, umspülen ihren nasskalten Körper, es ist der Fluss des Lebens, nicht mehr und nicht weniger, und als sie untertaucht, fühlt sie schmerzhafte Kämpfe, Sterben für Anfänger, denkt sie und stirbt. Stirbt tausend Tode, denn unter Wasser zu atmen hat sie nie gelernt. Seltsam, denkt sie, wie schön sterben sein kann, wie lange verdrängt.

Warum hat sie so lange gezögert?
Was ist passiert?

Es ist der Kuss der Robbe, die nasskalte Schnauze, die ihr Leben einhaucht, sie lehrt, unter Wasser zu atmen, sie rettet und da, sie taucht auf, sieht sich um und erblickt unverhofft, staunend, verborgene Lieblingsplätze.

Hier wohne ich, denkt sie, genau hier, wo die Piratenkönigin lebt!

Sie spürt die magische Wirkung, den uralten Kraftort unter dem typischen bewölkten Himmel, genießt die Weite, die Einzigartigkeit in ihrer schönsten Form.

Warum lebt sie seit Urzeiten ein Doppelleben? Die namenlose Sehnsucht, hier ist sie zu Hause, geheime Leben, von denen niemand etwas ahnt, und schon beginnt sie zu singen, sie tanzt und wiegt sich zu seltenen Klängen, sie, die Elfenfrau, in dem silbrigen Fell.

Und wer weiß, wie lange sie weitergetanzt hätte, hätte sie das Rufen vom Meer nicht gehört.

Von weit her kommt es, aber eindringlich ist es und zwingt sie, Abschied zu nehmen. Das Floß peitscht mit den Wellen gegen den Strand und sie beeilt sich, klettert hinein, heimlich hofft sie, sie möge untergehen, aber dann fühlt sie die Seehundhaut bei sich, fest, verschwörerisch, schmiegt sie sich an. „Nimm mich mit“, flüstert sie, „lass mich nicht allein“, und so greift sie sie fest, als wären sie von nun an unzertrennlich, das Fell und ihr Körper, der wieder in Kleidern steckt und an Land gespült wird.

So geht sie zurück, leichtfüßig, noch immer barfuß, schon von Weitem sieht sie Lichter im Haus brennen, sieht die Münder ihrer Kinder gegen die Scheiben gepresst. Kurz bleibt sie stehen, den Blick zu den erleuchteten Fenstern erhoben. Eines Tages, denkt sie, wird sie sie einweihen, ihre Töchter zumindest, und mit dahin nehmen, wo die Piratenkönigin lebt. Aber bis es soweit ist, bleibt es ihr Geheimnis, ist es sie allein, die zur Reise aufbricht, denkt sie, fängt an zu rennen, drückt das Robbenfell fest an sich.

Von Judith Ludwig