Wohnzimmer

Katze: Samera Al Khafage (13 Jahre, Irak)

 

.

Wohnzimmer

Die Augen waren mir unter die Teppichkante gerollt. Ich frag mich, wie das passieren konnte. Es muss so gegen Zehn gewesen sein, draußen läuteten die Kirchenglocken. Die Sonne streichelte meinen Nacken. Ich hatte auf dem Sofa gesessen und hielt den Brief in meinen Händen. In der Luft lag der Duft von frischem Kaffee. Ich fixierte die Worte, die Buchstaben tanzten, sie verschmolzen zu einem Brei. Mir liefen die Tränen über die Wangen, ein warmer weicher Strom. Erlösend. Sie breiteten sich zu einem Wasserfall aus. Stark und kräftig. Der sprengte die Augäpfel aus ihren Höhlen. Sie plumpsten auf den Boden und rollten über die schweren, alten Dielen. Das war mir vorher noch nie passiert. Ich konnte nichts mehr sehen, aber ich konnte es hören, wie die Augen über den Boden schlingerten.

Langsam glitt ich an der Sofakante herunter und legte mich bäuchlings auf den Boden. Der roch nach Meister Propper. Erst war ich noch ganz ruhig, betastete die tiefen Gruben in meinem Gesicht, dort wo meine Augen fehlten. Die dünnen Lider mit ihren feinen Wimpern hingen wie ein Vorhang vor dem Loch. Ich fing an zu schreien, konnte mich aber nicht hören. Meine Nase streifte über das kühle Holz. Mir kam ein befremdlicher Gedanke: Konnten meine verlorenen Augen mich wohl möglich sehen?

Ich kroch wie eine Eidechse über den Boden, fuhr mit meinen Händen über den Teppich. Der roch nach Schaf. Ich stieß an etwas Weiches. Morle, die Katze, sie schmatzte. Oh nein. Eine Ahnung. Ihre raue Zunge schleckte an meinem Handgelenk. Von draußen vernahm ich das Surren vorbeifahrender Autos. Stimmengewirr. Eine Feuerwehrsirene. Alles drehte sich.

Wo sind meine Augen? Meine Brust wurde eng. Der Herzschlag zimmerte in meinen Ohren. Panik. Ich fing an zu schwitzen. Panik. Ich schnappte nach Luft, während ich weiter über den Boden robbte. Etwas stieß an meinen Kopf, gefolgt von einem lautem Knall. Der Boden wurde feucht. Ich fühlte eine Kante, die Teppichkante. Sahen meine Augen mir dabei zu, wie ich sie verzweifelt suchte?

Meine Hand glitt unter die Teppichkante. Sie erfühlte etwas kleines, klebriges Rundes. Es war kühl und so groß wie ein Flummi. Ein Kribbeln im Bauch, Wärme. Ich wurde ganz leicht. Hoffnung. Ich griff nach der Kugel, führte sie zu meiner Nase. Das Ding roch nach nichts. Meine Zungenspitze klebte jetzt an dem Etwas. Es schmeckte nach nichts. Ich tat es, steckte die Kugel in meine Augenhöhle. Rechts. Es wurde hell. Taghell. Ich rappelte mich auf, stand jetzt wie ein Hund auf allen Vieren. Alles um mich herum war flach, zweidimensional. Der Fernseher, das Sofa, der zusammengeknüllte Brief, die Katze, die zerbrochene Vase. Ich griff nach dem zweiten Auge, führte es an seinen Platz und schmiss mich erschöpft in meinen Sessel.

Die Welt sah nicht mehr aus wie zuvor.

Ulrike Hinrichs

 

Eidechse: Mohammad Alnaddaff (13 Jahre, Syrien)